Tanja und Florian von der Hagen haben auf ihrem „Land Gut Hagen“ viel vor: Der seit 2022 zertifizierte Bioland-Betrieb bewirtschaftet rund 300 Hektar Ackerland, besitzt 15 Hektar Waldflächen und 125 Hektar Kleegrasflächen, etwa 200 Streuobstbäume und betreibt eine Imkerei. Die Pflanzung weiterer Obstbäume und Agroforstsysteme ist in Planung.
Doch wie kann die regelmäßige Bewässerung der Bäume sichergestellt werden, ohne dass auf Brunnenwasser oder Trinkwasser zurückgegriffen werden muss? Den von der Hagens ist es ein Anliegen, möglichst ressourcenschonend zu wirtschaften und den Wasserrückhalt in der Landschaft mitzudenken. Aus diesem Grund setzen sie auf Regenwasser.
Doch das ist leichter gesagt als getan, denn der Standort des Land Gut Hagens ist geprägt von lehmigen Sandböden und relativ wenig Niederschlag mit ca. 530 mm pro Jahr. Und wenn Regen fällt, dann immer häufiger in kurzen, starken Ereignissen – mit dem Effekt, dass das Wasser schlecht versickert und oberflächlich abfließt. Gleichzeitig gibt es mehrere große Wirtschaftsgebäude mit Dachflächen, von denen der Regen bislang ungenutzt abfließt. Dazu gehören einalter Kuhstall mit ca. 1.400 m² Dachfläche, eine Scheune mit etwa 1.700 m² sowie Wohnhäuser und ein Mehrzweckgebäude mit insgesamt etwa 500 m² Dachfläche. Die Idee: das Regenwasser von den großen Dachflächen sammeln, speichern und für die Bewässerung ihrer Obstbäume und Agroforstsysteme nutzen. Als Übergangslösung werden Teile des Regenwassers bereits jetzt in IBC-Tanks direkt am Gebäude gesammelt.
Doch wie viel Wasser lässt sich mit einem „perfekten“ System sammeln? Ist eine ausschließliche Bewässerung mit Regenwasser möglich? Welche Speichergrößen sind angemessen und wie lässt sich ein sicherer Überlauf gestalten? Wie kann gespeichertes Wasser dorthin transportiert werden, wo gegossen werden muss? Und wie können die Systeme so konzipiert werden, dass sie nicht nur dem aktuellen Bedarf genügen, sondern auch zukünftige Entwicklungen des Betriebs berücksichtigen? Mit dieser Problemstellung stieg Tanja von der Hagen in das Projekt „Netzwerk Praxiswissen Wasserspeicher“ der Klimapraxis ein.
Im Rahmen des Projekts fand zunächst eine Betriebsbegehung mit Experten der Sieker Ingenieursgesellschaft mbH statt. Dabei wurde das Gelände mit bestehenden Strukturen wie Gebäuden, Dachflächen, vorhandenen Fallrohren und Versickerungsschächten, Rigolen und ehemaligen Güllegruben besichtigt. Zudem wurden bereits vorhandenen IBC-Tanks zur mobilen Wasserspeicherung und die Flächen bestehender sowie zukünftiger Streuobst- und Agroforstsysteme erfasst. Anschließend wurden erste Ideen diskutiert. Dabei galt es nicht nur die kurzfristigen Wasserbedarfe zu betrachten,sondern auch längerfristige Entwicklungen des Betriebes mitzudenken, die sich zum Beispiel durch die Pflanzung weiterer Bäume oder die Etablierung einer Baumschule ergeben könnten.
Es folgte eine detaillierte und standortspezfische Modellierung von Wasserdargebot und Wasserbedarf. Hierfür schätzte Tanja von der Hagen zunächst den voraussichtlichen Wasserbedarf – abhängig von Art, Anzahl und Alter der Bäume. Ihre Annahmen hierfür basierten größtenteils auf Erfahrungswerten und Recherchen. Die zu erwartenden Niederschlagsmengen lieferte eine Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes, die nur rund 15 km entfernt in Angermünde steht. Auf dieser Datengrundlage erstellte Vincent Ried von der Sieker Ingenieurgesellschaft mbH mit Hilfe der eigens vom Unternehmen entwickelten Software „STORM“ – einer Software für die Modellierung wasserwirtschaftlicher Systeme – ein hydrologisches „Niederschlag-Abfluss-Modell“.
Mit diesem konnten verschiedene Szenarien simuliert werden: Wieviel Wasser stünde pro Dachfläche zur Verfügung? Wie häufig fiele der Speicher bei unterschiedlichen Speichergrößen trocken, wie häufig liefe er über? Welche Auswirkungen hätte ein hundertjähriges Starkregenereignis? Laut Modell ließen sich über die Dachflächen der Wohn- und Mehrzweckgebäude mit einer Gesamtfläche von 536 m² im Jahr rund 239 m³ Wasser gewinnen. Bei einem Speichervolumen von 10m3 könnten damit 50 Bäume ein Jahr lang mit Wasser versorgt werden und es käme zu einem Überlauf von etwa 182m3 überschüssigen Regenwasser.
Müssten jedoch 150 Bäume versorgt werden, wäre zusätzlich zum Regenwasser eine Nachspeisung von 68 m3 Trink- oder Brunnenwasser nötig.
Wesentliche Erkenntnisse aus der Analyse und Modellierung sind:
Die lokalen Niederschläge sollten den Wasserbedarf zur Bewässerung der Bäume und Agroforstsysteme auf dem Land Gut Hagen grundsätzlich gut decken können. Und doch ist die Wahl der Speichergröße ein Kompromiss, denn sie soll sowohl im Fall von Starkregenereignissen wie auch langen Trockenphasen, die immer häufiger werden, möglichst praktikabel sein. Dies kann dazu führen, dass die Speicher in sehr trockenen Jahren trockenfallen und Grund- oder Trinkwasser nachgespeist werden muss. In regenreichen Jahren wiederum kann es häufiger zu Überläufen kommen.
Dennoch hilft die Modellierung Tanja von der Hagen bei der Wahl der Größe für den zukünftigen Wasserspeicher. Der Wasserspeicher soll praktikabel in der Handhabung und kostengünstig sein. Wichtig ist ihr aber auch, leistungsfähige Überläufe und ausreichende Versickerungsflächen sicherzustellen – insbesondere für Starkregenereignisse. Tanja von der Hagen tendiert für ihren Betrieb zu einer wirtschaftlich rentablen Kombinationslösung. Sie möchte in einige größere Zisternen investieren und zusätzlich kostengünstigere mobile Tanks anschaffen, die insbesondere für die Bewässerung von Jungbäumen räumlich und zeitlich flexibel eingesetzt werden können. Eventuell könnten auch die vorhandenen Güllegruben in der Planung berücksichtigt werden, ebenso wie Keyline-Systeme, über die künftig überschüssiges Wasser am Hang versickert werden könnte.
Doch vor der Umsetzung gibt es noch eine Reihe offener Fragen: Wie können oberirdische Wasserspeicher beschattet werden, um Algenbildung zu vermeiden und so auch im Sommer eine gute Wasserqualität zu gewährleisten? Und wie kann der Ab- und Überlauf gesteuert werden, wenn Starkregenereignisse und volle Tanks zusammenfallen – und zwar auch aus der Ferne? Denn eines wird deutlich: Passgenaue Lösungen von der Stange gibt es (noch) nicht. Klar ist: Wasserspeicherlösungen sollten auf den jeweiligen Standort und Betriebsalltag angepasst und möglichst erweiterbar sein. Eine sorgfältige Planung kann hier wertvolle Anhaltspunkte liefern, doch die letztendliche Entscheidung, welche Lösungen sinnvoll umgesetzt werden können, liegt im Ermessen der Landwirt*innen.
Gerne teilen wir im Netzwerk Praxiswissen Wasserspeicher weitere Ergebnisse und Erkenntnisse mit, die für andere Betriebe bei der Suche nach Lösungen hilfreich sein könnten.
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