June 10, 2026

Flächen- und Impulsgeber vom Mühlenberg

Am Ortsrand von Betzin, rund fünf Kilometer südlich von Fehrbellin, ist im Dezember 2025 ein Agroforstsystem entstanden. Auf einer Fläche von rund 6,5 Hektar wurden 240 Walnuss- und Esskastanienbäume gepflanzt. Die Initiative dafür ging von den Flächeneigentümern aus. Ihre Überzeugung: Landwirtschaft und Naturschutz können Hand in Hand gehen. Auf einer eigenen Fläche am historischen Mühlenberg wollten sie mit gutem Beispiel voran gehen.

Die Flächen rund um den Mühlenberg haben für Heike Benz und Dietmar Bellin eine besondere Bedeutung. Heike wuchs in Betzin auf, während Dietmar seine Ferien regelmäßig bei seiner Familie in Betzin verbrachte, bevor er 1988 ebenfalls dorthin zog. Die Verbundenheit mit der Landschaft reicht weit zurück, denn beide Familien sind seit Generationen in der Region verwurzelt. Verschiedene, kleinteilige Flächen waren im Familienbesitz und wurden eigens bewirtschaftet – bis die Agrarlandschaft im Zuge der sogenannten Flurbereinigung umverteilt wurde. Flächen wurden zusammengelegt und Strukturen zugunsten einer maschinellen und möglichst effizienten Bewirtschaftung zerstört. Nach der Wiedervereinigung erhielten die Familien ihre ursprünglichen Ländereien zurück. Seither waren die Flächen der Familie Benz und der Erbengemeinschaft Bellin verpachtet.

Die beiden erinnern sich an Erzählungen über die Brandt´sche Windmühle, die einst auf dem Mühlenberg stand. Bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg soll sie noch in Betrieb gewesen sein. Der Müller stammte aus der Familie von Dietmar´s Cousine.

Roots & Robots Agroforst Mühle


Heute findet man dort, wo einst die Mühle stand, ein struktur- und artenreiches Biotop. Inmitten einer sonst ausgeräumt wirkenden Agrarlandschaft trotzte es in den letzten 100 Jahren allen Veränderungen durch den Menschen. Auch für Heike´s Familie hatte der Mühlenberg schon immer eine besondere Bedeutung. Obwohl er ursprünglich nicht zum Familienbesitz gehörte, ertauschte sich ihr Vater die betreffende Fläche im Zuge der Flurneuordnung, da ihm die Erhaltung des Biotops mit seiner ökologischen Bedeutung am Herzen lag.

Roots & Robots Agroforst Mühlenbiotop


Heute bemühen sich beide darum, dass die Strukturvielfalt auch auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche wieder Einzug hält. Sie wünschen sich eine Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel erzeugt und gleichzeitig verantwortungsbewusst mit unseren Ressourcen umgeht. Für sie ist das Agroforstsystem ein Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft und ein praktisches Beispiel dafür, dass produktive Landwirtschaft und ökologische Verantwortung zusammengehören. Beide hoffen, dass ihr Agroforstsystem auch andere Landwirte und Flächeneigentümer inspiriert.

Der Anstoß für das Projekt kam von Heike, nachdem sie „Das ökohumanistische Manifest“ gelesen hat. In dem Buch plädieren die Autoren Prof. Ibisch und Jörg Sommer dafür, dass der Mensch seiner Verantwortung als Teil der Natur wieder gerecht wird, statt sie zu dominieren. Die Agroforstwirtschaft wird als ein wesentlicher Bestandteil dieser These beschrieben. Angestachelt von der Idee, dass auch auf ihrer Fläche Bäume zwischen Getreide und Feldfrüchten wachsen könnten, wandte sie sich an die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Und der Zeitpunkt hätte besser nicht sein können: Prof. Ralf Bloch und Prof. Tobias Cremer entwickelten gerade eine neue Projektidee und suchten nach weiteren Flächen für die Neuanlage von Agroforstsystemen. Zudem war der Pachtvertrag mit dem bisherigen Bewirtschafter des Mühlenbergs gerade ausgelaufen. Kurzerhand holte Heike ihren Freund und Nachbarn Dietmar mit ins Boot. Als Erbengemeinschaft ist seine Familie im Besitz des zweiten Teil des Mühlenbergs. Als Heike ihm von der Idee erzählte, war Dietmar schnell überzeugt.

Nun fehlte noch der passende Bewirtschafter für die künftige Projektfläche. Heike und Dietmar machten Hannes Deter-Tornow, Betriebsleiter der Agrargenossenschaft „Ländchen Bellin“ in Lentzke, ein Angebot: „Wenn du mitmachst, verpachten wir dir unser Land!“. Hannes Deter-Tornow war dem Thema Agroforst gegenüber aufgeschlossen. Er dachte selbst auch vorher schon immer wieder über Agroforst nach, hatte für die konkrete Umsetzung bisher jedoch nicht die passenden Flächen und Landbesitzer ausgemacht.

Im Januar 2025 startete letztendlich das Projekt „Roots & Robots“ – gefördert durch das Programm „Europäische Innovationspartnerschaft in der Landwirtschaft“ durch den Europäischen Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des Ländlichen Raums (ELER) sowie durch das Land Brandenburg. Zusammen mit zwei weiteren Praxispartnern aus der Landwirtschaft, der HNEE und der gemeinnützigen Klimapraxis wurden drei Agroforstsysteme angelegt, deren Entwicklung in den folgenden Jahren wissenschaftlich begleitet werden soll. 240 Walnuss- und Esskastanienbäume für die Wertholzerzeugung wurden auf dem Mühlenberg auf einer Fläche von rund 6,5 ha gepflanzt. Zwischen den Bäumen bleibt genügend Platz, um den Acker mit Maschinen zu bewirtschaften.

Roots & Robots Agrofrost Klimapraxis


Für die Pflanzung der Projektbäume haben alle mit angepackt: Mitarbeiter der AG „Ländchen Bellin“, HNEE und Klimapraxis, wie auch Dietmar und Heike, die wiederum tatkräftige Unterstützung aus ihren Familien mitbrachten. Doch allein damit ist es nicht getan – zumindest nicht für Heike und Dietmar. Neben den 240 Bäumen, die Teil des wissenschaftlichen Versuchs sind, haben die beiden mit Unterstützung des Betriebs eine Windschutzhecke angelegt; eine weitere soll im Herbst gepflanzt werden. Zusätzlich haben sie 45 Obst- und Nussbäume gepflanzt.

Roots & Robots Agroforst Klimapraxis

„Irgendjemand muss es ja machen!“ sagen sie und zeigen damit, dass ihr Engagement weit über die eigentlichen Projektziele hinausgeht. Sie hatten jedoch nicht damit gerechnet, letztendlich so viel eigene Zeit und Arbeit in den Mühlenberg zu investieren. Dass der eigene Garten in den letzten Monaten ein wenig kurz kam, verwundert da wenig. Doch sie wissen, wofür: „Es ist schön zu sehen, wie jetzt alles langsam grün wird.“ Und der Gedanke, dass sie selbst oder ihre Kinder noch in Jahrzehnten an den Bäumen vorbeilaufen können, hat schon etwas.

Die Bäume am Mühlenberg stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung. Sie müssen der Trockenheit trotzen und sich auf einem für Bäume unüblichen Standort durchsetzen. Doch wenn ihnen das gelingt, können sie eine nachhaltige Wirkung auf den Boden, den Wasserhaushalt und auf die Biodiversität entfalten, kühlend auf das Mikroklima wirken und noch dazu Wertholz erzeugen. So wächst am Mühlenberg nicht nur ein Agroforstsystem. Es wächst auch die Überzeugung, dass Landwirtschaft, Natur und regionale Identität eine gemeinsame Zukunft haben.

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